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Der Bürgerschütze und der Tod

Auf dem Patronatsfest, am 17.01.2009, befasste sich der damalige Chronist Hans-Georg Klein in seiner Festansprache mit den besonderen Begebenheiten eines Schützenbegräbnisses in Ahrweiler.

 

Liebe Schützenbrüder!

Ich möchte den heutigen Festvortrag mit einem Satz von Victor von Bülow alias Loriot beginnen: „Heiterkeit ist ohne Ernst nicht zu begreifen.“ Euer Chronist ergänzt: „Ernst ist ohne Heiterkeit nicht zu ertragen.“

Mit solchen Spruchweisheiten hinreichend geschützt, nähere ich mich meinem Thema.

Also, liebe Schützenbrüder, erschreckt nicht. Wir wollen uns heute mit dem Tod, dem Begräbnis und dem Leichenschmaus beschäftigen. Um diesen Vortrag zu verstehen, muss man gläubig sein. Aber das genügt nicht, man muss auch den richtigen Glauben haben, der nicht nur aus dem Kopf, sondern auch aus dem Bauch kommt. Dabei haben es Katholiken wesentlich einfacher als Protestanten, die von Ahrweiler einfacher als die von Neuenahr, weil die in Ahrweiler schon immer ein spezielles Verhältnis zum Tod hatten. Daran waren in unserer Stadt die vielen Bruderschaften schuld. Und das hat unser kollektives Bewusstsein geprägt, tief geprägt.

Wer also die genannten Voraussetzungen nicht erfüllt, solle spätestens jetzt ein Bier trinken gehen, da dieser Vortrag sonst Ärgernis erregt. Das wollen wir aber doch nicht.

Vita mutatur, non tollitur (Das Leben wird nicht genommen, sondern verändert.), dieses Gebet aus der Totenliturgie schenkt uns Christen seit dem 5. Jahrhundert Zuversicht und nimmt dem Tod manches vom Schrecken der unerbittlichen Zäsur. In diesem Glauben wurde und wird der Tote zu Grabe getragen, in diesem Glauben schöpfen die trauernden Angehörigen Trost. Noch eins kam hinzu: Im Mittelalter war das irdische Leben in der Tat noch ein wahres Jammertal. Krankheiten, vor allem die unsägliche Pest, Krieg, Hunger und andauernde, für uns Heutige unvorstellbare Knappheit peinigten den Menschen. Der ins Paradies einging, hatte es besser. Warum also lange trauern. Abschiedsschmerz ja, aber keine lange Trauer. Das ist bewundernswerter Glaube. Wir sollten davon lernen.

Liebe Schützenbrüder,

mir ist das Bild eines anonymen mittelalterlichen Malers vor Augen, das uns einen Blick in ein Sterbezimmer gewährt. Soeben betritt der Sensenmann den Raum, da rappelt sich der Sterbende auf und lacht den Tod aus. Warum??

Ihr seht, es ist einem ordentlichen Christenmenschen durchaus erlaubt, über den Tod zu lachen.

Ich bin mir bewusst, dass ich heute ein Tabuthema zur Sprache bringe, über das man normalerweise nicht spricht. Unsere moderne Gesellschaft hat Sterben und Tod anonymisiert. Der Tod wird verdrängt, umso entsetzter sind wir, wenn er in unserer Nähe zuschlägt.

Dabei müssen wir uns jederzeit bewusst sein, dass jeder von uns in diesem Stück einmal die Hauptrolle spielen wird. Verdrängen? Nein, wir sollen in der Blüte der Jahre Vorsorge treffen, damit wir nicht auf dem falschen Fuß erwischt werden. Ich komme darauf zurück.

Liebe Schützenbrüder, viele Menschen sterben heute vereinzelt, oft allein. Der soziale Tod ist dem physischen vorausgegangen, wenn der Kranke die Erfahrung macht: Keiner kommt mehr zu mir, keiner interessiert sich mehr für mich. Das darf unter uns Schützenbrüdern eigentlich nicht passieren. Eine Flasche Krankenwein pro Jahr ist da zu wenig. Denken wir darüber nach, wie wir den sozialen Tod eines Schützenbruders verhindern können.

Jetzt will ich Euch auch verraten, wie ich zum heutigen Thema gekommen bin. Ein Schützenbruder, der schon fast 40 Jahre Mitglied der Gesellschaft ist, sagte vor Zeiten, er sei noch nie mit einer Schützenbeerdigung gegangen. Er halte das, was die Schützen dort veranstalten, für zu tiefst unchristlich. „Zum Friedhof hin zieht ihr mit dem Trauermarsch und zurück mit der Melodie „Freut Euch des Lebens.“ Das kann ich nicht mitmachen. Das widerspricht meinem christlichen Verständnis vom Tod.“ Hat der Mann recht? Erst kürzlich bei der Beerdigung von Hörsche Rolf hat sich wieder ein Schützenbruder ähnlich geäußert. Die Beerdigung sei würdevoll gewesen, aber das was hinterher gekommen sei, schrecklich.

Nun denn, wir müssen unser Tun hinterfragen. Wir als Ahrweiler Bürger-Schützengesellschaft stehen in einer 600 Jahre alten Tradition. Wir sind über 400 Jahre eine Bruderschaft gewesen und das hat uns geformt und geprägt. Es hat deutliche Spuren in unserem kollektiven Gedächtnis hinterlassen.

Bruderschaften wurden gegründet, um für lebende und vor allem für verstorbene Angehörige der Gemeinschaft zu beten. Wer einer Bruderschaft beitrat, durfte davon ausgehen, dass er in der Krankheit Hilfe und nach dem Tod ein würdiges Begräbnis finden, dass die Brüder regelmäßig seiner im Gebet gedenken, gegebenenfalls die Witwe unterstützen und für minderjährige Kinder sorgen würden. Die Sterbe- und später die Gebetshilfe zugunsten der armen Seele spielte eine große Rolle. Hinter der Sorge um Fürbitte stand der Wunsch, von Menschen und vor allem von Gott nicht vergessen zu werden. Das hat sich bis heute im Hochgebet der Messe fortgesetzt. Wie heute auch werden die verstorbenen Schützenbrüder der Barmherzigkeit Gottes mit den Worten empfohlen: „ Gedenke, Herr, auch Deiner Diener und Dienerinnen N. und N., die uns mit dem Zeichen des Glaubens vorangegangen sind und die im Schlafe des Friedens ruhen.“

Das Verlangen, nicht vergessen zu werden und anderer zu gedenken, fand vielfältige Ausprägungen. Die Namen der Verstorbenen – zunächst auf Täfelchen, später in Bücher geschrieben – wurden beim Memento vorgelesen. Und wenn der Zugführer in seiner Trauerrede auf dem Friedhof davon spricht, dass wir den Verstorbenen nicht vergessen werden, hat das mit dieser Fürbitte zu tun. Es hat auch mit unseren Seelenbüchern zu tun, in denen alle Schützenbrüder eingeschrieben und so in Ewigkeit nicht vergessen sind. Bei der letzten Jahreshauptversammlung des Leutnantsgliedes wurden sämtliche verstorbenen Schützenbrüder seit Gründungszeit namentlich genannt. Welch eine schöne Geste.

In der heutigen Zeit finden wir oft das Gegenteil. Man will vergessen werden. Man will anonym bestattet werden. Ob das der Oberförster im Friedwald oder der Totengräber mit der Asche anonym auf dem Friedhof tut, soll keine Rolle spielen. Doch ich warne. Wer sich hier in der Stadt anonym bestatten lässt, kommt unweigerlich auf den Friedhof nach Neuenahr. Ob das so erstrebenswert ist?

Diese Haltung kommt unmittelbar aus dem Verlust des Glaubens, aus dem Verlust der Hoffnung auf das Ewige Leben. Damit haben wir seit der Aufklärung immer wieder zu kämpfen.

Wie war das nun in der Bruderschaft gewesen? Leider ist von der Schützenbruderschaft keine Ordnung mehr überliefert. Wenn ich die älteste, vollständig überlieferte Bruderschaftsordnung von 1431 der Ahrweiler Fleischhauer zu Rate ziehe, heißt es dort:

„Ebenso sollen auch alle Brüder, Schwestern und Kinder, die innerhalb der Stadt und Pflege Ahrweiler sitzen und wohnen, zu allen Beerdigungen und danach auch zum Leichenschmaus unserer Brüder und Schwestern oder ihrer Kinder kommen. Sie sollen zu der Messe mit Opfergang und Gebet kommen, so wie sich das gehört und wie es üblich ist. Wer das nicht tut, der soll der Bruderschaft ein halbes Pfund Wachs zahlen. Da soll man nicht nachgeben, es sei denn, er entschuldigt sich beim Brudermeister durch triftige nachvollziehbare Gründe.“

Liebe Schützenbrüder, die Angehörigen von 10 verschiedenen Ahrweiler Bruderschaften haben diese Verpflichtung zur Teilnahme an Traueramt, Beerdigung und anschließendem Leichenschmaus ernst genommen. Die Schützen halten sie über 600 Jahre ein. Darauf sind wir stolz. Was fehlt, ist oft die nötige Entschuldigung beim Zugführer für das Nichterscheinen.

Nach dem Sterbeamt ziehen die Schützen in Uniform mit Trauermusik zum Friedhof. Sechs Schützenbrüder nehmen am Sarg Aufstellung und deuten damit an, was über viele Jahrhunderte Brauch war, nämlich die Totenwache am offenen Sarg zu halten. Das war auch bis in die 50iger Jahre Ritual, als die Verstorbenen noch zu Hause aufgebahrt wurden. Tiefer Sinn dieser Zeremonie war, zu verhindern, dass der Teufel die Seele des Verstorbenen entführt.

Auch die Ehrenbezeugung des Verwaltungsrates, der sich vor dem Sarg in der Friedhofskapelle verneigt, bezeugt den tiefen Respekt, den die Gesellschaft vor dem Verstorbenen zeigt. Die 6 Schützenbrüder erweisen dem Toten den letzten Dienst, indem sie ihn in die Grube lassen. Mehr können sie nicht mehr tun. Der Zugführer würdigt den Verstorbenen in einer kurzen Gedenkrede. Dann kommt der endgültige Abschied. Die Musik intoniert „Ich hat einen Kameraden.“ Die Fahne senkt sich ins das offene Grab, der Offizier präsentiert. Tränen sind erlaubt.

Liebe Schützenbrüder, es ist fast wie bei einem Staatsbegräbnis. Würdiger kann man nicht zur letzten Ruhe gelegt werden. Unser leider viel zu früh von uns gegangener Willi Welsch sagte mir einmal: „In Ahrweiler ist eine Schützenbeerdigung würdevoller, als sonst wo ein ganzes Schützenfest.“ Willi, du hast Recht.

Weil wir nun unseren verstorbenen Schützenbruder zur Ruhe gelegt haben, weil wir ihn jetzt gut aufgehoben wissen, weil wir uns auf ein Wiedersehen freuen und weil wir bei seiner Himmelfahrt dabei waren, ziehen wir freudig mit Schützenmusik zum Leichenschmaus.

Liebe Schützenbrüder,

also, der Wegzug vom Friedhof mit Schützenmusik ist vor allem ein gelebtes Glaubensbekenntnis. Und wir sollten uns dieses Glaubensbekenntnis von niemandem schlecht reden lassen. Wir Schützen müssen unser Brauchtum offensiv verteidigen, sonst ist es eines Tages aus Unkenntnis abgeschafft.

Das alles zu verstehen, dazu gehört Glaube, tiefer Glaube. Weil ich, wie so viele hier im Saal, von diesem Glauben an ein Wiedersehen beseelt bin, lade ich Euch – alle Züge - schon jetzt zum Fest meiner Beerdigung, das auch das Fest meiner Himmelfahrt werden soll, ein. Tag und Datum werden noch bekanntgegeben.

Nun ist das mit dem Glauben aber so eine Sache. Glauben ist nichts Statisches, wenigstens bei mir nicht. Er ist Tagesschwankungen unterworfen. Deshalb benötigt man den Halt, der von andern Schützenbrüdern ausgeht. Die Stärkung der Brüder im Glauben gehörte auch zu den Aufgaben der Bruderschaften.

Wenn ich mich in meinem Glauben getäuscht haben sollte, na und? Jetzt kann der Zweifler sagen, ich hätte mich dann ein Leben lang umsonst bemüht, ein ordentlicher Mensch zu sein. Alles für die Katz. Wirklich? Wenn sich aber – wie der Teufel es will – die Zweifler getäuscht haben, dann Gnade ihnen Gott. Das sind Gedanken des großen französischen Mathematikers und Philosophen Blaise Pasqual.

Also, die Schützenbrüder ziehen zum Begängnis, dem Leichenschmaus, in ein Gasthaus. Und hier folgt wieder eine Zeremonie, die, wenn es sie noch nicht gäbe, erfunden werden müsste. Der Zugführer erhebt sich zu Ehren des Verstorbenen und mit ihm der ganze Zug. Dabei trinken der Offizier und mit ihm alle Schützenbrüder den ersten Schluck Rotwein auf den Verstorbenen. Er weilt im Geiste unter uns.

Liebe Schützenbrüder, damit das auch so bleibt, gilt es Vorsorge zu leisten. Ich für meine Person möchte so beerdigt werden. Ich möchte nicht, das meine Angehörigen –aus welchen Gründen auch immer – meine Schützenbrüder von meiner Beerdigung ausschließen und die Gepflogenheiten untersagen. Wir alle finanzieren mit unseren Zugbeiträgen bewusst unsere eigene Beerdigung. So soll es bleiben. Sorgen wir bei unseren Angehörigen schon jetzt dafür, das dieser unser Wille auch umgesetzt werden kann. Hier ist es nötig, den oft zitierten Satz von Engels Herbert zu wiederholen: „Ich habe meiner Ursula gesagt, wenn sie die Schützenmusik bei meiner Beerdigung verbietet, gehe ich nicht mit.“ Er bliebe dann einfach zu Hause. So ist er, unser Herbert.

Also liebe Schützenbrüder, das Leichenbegängnis ist noch lange nicht zu Ende. Es kommt noch ein Aspekt hinzu. Der Tote hat durch seinen Weggang eine Lücke in die Gemeinschaft gerissen. Ist die Lücke zu schließen? Mit dem gemeinsamen Mahl wollen sich die hinterbliebenen Brüder immer wieder ihrer Zusammengehörigkeit versichern. Und das ist gut so und wichtig für die Schützengesellschaft.

Jetzt stelle ich mir vor, ich sei gestorben. Ich guckte, gerade oben im Himmel angekommen, in den Prümer Gang und sähe meine Schützenbrüder so traut vereint da unten. Nein, was haben die für eine Freude. Ein Glas Rotwein folgt dem anderen, die Blasmusik spielt flotte Schützenmärsche, die Schützenbrüder sprechen von mir als einem lieben Kameraden und guten Menschen, der zwar seine Fehler hatte, aber na ja, wer hat die nicht, und der Michael betont, letztes Jahr sei ich beim Trinkzug noch neben ihm marschiert und hätte meinen Spaß gehabt. Er sähe mich noch, als sei es gerade eben erst gewesen. So fühle ich mich jetzt wieder mitten unter ihnen. „Näh, watt woa datt widde für en schön Leisch“, sagt Palms Pitter zusammenfassend. Und als die Kapelle Tochter Sion anstimmt, wische ich mir da oben verstohlen die Tränen aus den Augen und kann nur noch sagen: „Ach, watt isset widder schön, fast essu wie em Himmel!“

Aber das können, wie gesagt, nur Menschen verstehen, die mit Kopf und mit dem Bauch glauben.

Oder?