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Die Geschichte des Leutnantsgliedes

In der Geschichte der St. Sebastianus Bürgerschützen-Gesellschaft gab es drei Leutnantsglieder. Zum ersten Male hören wir von einem Leutnantsglied 1819, als der Verwaltungsrat die Eintrittsgelder neu festlegt.

Die Einschreibegebühren zum Hauptmannsglied betragen 8 rtlr, zum Fähnrichs- und Leutnantsglied 6 rtlr und zum Wachtmeisterglied 4 rtlr

Damit war auch schon eine gewisse Wertigkeit im Sozialgefüge der Schützengesellschaft festgelegt. In der damaligen Zeit waren 6 rtlr viel Geld. Daher sah der Beschluss vor, dass die Eintrittsgelder gestundet werden konnten. Beim Eintritt mussten 3 rtlr bezahlt werden, der Rest konnte im nächsten Jahr beglichen werden. Dennoch hatte sich ein Schützenbruder ins Einschreibebuch eingetragen, dem offensichtlich auch diese 3 rtlr fehlten. Randnotiz: Ausgeschieden: war ihm zu teuer.

1826 wurden erneut die Eintrittsgelder neu festgelegt: Hauptmannsglied 8, Fähnrichsglied 7, Leutnantsglied 6 und das neue Unterleutnantsglied 4 rtlr. Das wird, wie man noch sehen werden, Folgen für das Leutnantsglied haben.

Die Zeiten waren nicht danach. in der Eifel herrschte 1816 bis 1818 eine Hungersnot verursacht durch Misswuchs der Feldfrüchte und des Weines. Es war so schlimm, dass in Ahrweiler Suppenküchen eingerichtet werden mussten, um die Menschen vor dem Hungertod zu bewahren. Von dieser schlimmen Zeit erholte sich das Ahrtal nur ganz langsam. Mit dem Beitritt Preußens zum Deutschen Zollverein 1833 gab es erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten. Das traf vor allem die Winzer. Auswärtige Weine traten in Konkurrenz zu den hiesigen Erzeugnissen und so wurden viele Winzer an den Bettelstab gebracht. Die Winzervereine an der Ahr waren aus schierer Not geboren. Bei Weinpreisen von 12 Pf pro Liter konnten die Winzer sich kaum ernähren. Und dann 6 rtlr für das Leutnantsglied !

Überhaupt war in der Regel für den gemeinen Mann das 19. Jahrhundert, also die gute alte Zeit, eine Periode der für uns heute nicht mehr zu begreifenden Kargheit und Knappheit. Nicht umsonst kamen damals das Chemisettchen und die Manschetten auf, die das fehlende Hemd ersetzen sollten.

Zunächst zeigt sich, dass Schützenbrüder bis 1826 in das Leutnantsglied eintraten. Als das Unterleutnantsglied aufkam - man erinnere sich: Eintrittsgeld 4 rtlr - trat offensichtlich 50 Jahre niemand mehr dem Leutnantsglied bei. Die Leute sparten und gingen ins Unterleutnantsglied. Erst nach dem gewonnenen Krieg 1870/71 und den von Frankreich gezahlten Reparationen kam Geld unter die Leute. Statt ins Unterleutnantsglied meldete man sich im Leutnantglied an: Ein sozialer Aufstieg!

Wer trat nun in dieser Zeit ins Leutnantsglied ein? Im Einschreibebuch unserer Schützengesellschaft, das allerdings aufgrund von Wasserschäden stellenweise unlesbar geworden ist, sind von 1824 bis 1957 46 Mitglieder des Leutnantsgliedes zu ermitteln. Das ist für ca. 130 Jahre erschreckend wenig, auch wenn man die eben erwähnten 50 Jahre abziehen muss. Das bedeutet - natürlich rein statistisch gesehen - dass dem Leutnantsglied durchschnittlich nur 17 Mann angehörten. Es war damit die schwächste Compagnie der Schützengesellschaft.

Die berufliche Herkunft weist die Mitglieder als Tagelöhner, Arbeiter, Kleinhandwerker wie Schuster oder Schneider aus. Die Ständegesellschaft des 19. Jahrhundert lässt grüßen.

Das Leutnantsglied war lange Zeit nicht uniformiert. Wenn man sich überlegt, dass die Offiziere erst 1857 Uniformen erhielten, wundert das nicht.

Erst zum großen Jubelfest 1903 wurde beschlossen, den Mitglieder des Hauptmanns- und des Leutnantsgliedes eine Joppe aus grünem Lodenstoff zu genehmigen. "Die Kosten der Joppen bringen die Leute selbst in monatlichen Beiträgen auf', steht im Protokoll des Verwaltungsrates, "nur eventuelle Reste sollen durch den Verwaltungsrat vorgestreckt werden, damit die Anzüge bis zum Fest vorhanden sind."

1876 wird die Satzung geändert, deswegen können auch die jetzt erfolgten Neueintritte erklärt werden:

 

  • dass von heute an der Eintritt zur Hauptmannscompagie nur gegen Zahlung eines Beitrages von 21 Mark, und desgleichen zur Leutnantscompagnie gegen Zahlung von 14 Mark erworben werden kann. Und jetzt kommt es:
  • dass ferner alle zu den beiden vorgenannten Compagnien sich Meldenden zunächst in die Leutnantscompagnie eintreten und sofort mindestens 8 Mark zahlen müssen, und dass diejenigen, welche zur Hauptmannscompagnie überzutreten wünschen, dies erst nachdem sie 2 Jahre in der Leutnantscompagnie gewesen sind und den ganzen Betrag bezahlt haben, gestattet werden kann. Hierbei bleibt indessen der bisherige Gebrauch bestehen, dass die neu Eintretenden an Schlusse des Zuges sich anschließen müssen.

 

Was steckt hin­ter dieser Gründung 1965, was hat diese Gründung bewirkt?

Die St. Sebstianus Bürgerschützen-Gesellschaft Ahrweiler hatte 1964 genau 208 Mitglieder. Davon stellte das Königsglied 86 (das sind 44% der Mitglieder). Das Elite­corps hatte 40, das Hauptmannsglied 22, das Fähnrichsglied 40 und das damalige Leutnantsglied 20 Mitglieder. Der Nachwuchs war damals spärlich. Die soziale Schichtung der Gesellschaft ist an den Mitgliederbeiträgen abzulesen. Königsglied und Elitecorps zahlten 40 DM, alle anderen die Hälfte des Jahresbeitrages. Elite­corps und Fähnrichsglied hatten Uniformen wie heute alle als sogenannter Waffen­rock. Hauptmann- und Leutnantsglied trugen die einfachen kurzen Uniformjacken und Möschekappen. Das Leutnantsglied erhielt auch keinen Schützenwein, sondern Bier. Der Verwaltungsrat war auf Lebenszeit gewählt, der seinerseits die Offiziere nach seiner Wahl ernannte, die dem Elitecorps angehören mussten.

Soweit eine kurze Zusammenfassung der Zustände 1964.

Erschwerend kam der jämmerliche Zustand des damaligen Leutnantsgliedes hinzu. Sei es aus Altersgründen, sei es aus Unlust zogen in den letzten Jahren nur noch sechs bis acht Schützenbrüder unter dem Kommando von Mertens Jupp an Fron­leichnam auf. Es muss wohl 1963 gewesen sein, als diese sechs Mann beim Früh­stück dem Bier so sehr zugesprochen hatte, dass der Leutnant Mertens sich weigerte, aufzuziehen. Er ging zum Hauptmann Toni Jarre und meldete sich ab.

Am 6. November 1964 tagte der Verwaltungsrat. Unter Punkt 7 der Tagesordnung vermerkt das Protokoll (und diese Sätze muss man sich auf der Zunge zergehen lassen): „Auf­nahme von 30-34 neuen Mitgliedern. Eine Gruppe jüngerer Mitbürger, von denen die meisten bereits vor Jahren als Vorstandsmitglieder der Junggesellenschützen ihre Liebe zum heimatlichen Schützenwesen unter Beweis gestellt haben, möchte als geschlossene Einheit in die Gesellschaft eintreten und sich selbst ihren Offizier wählen. Diese ziemlich ultimativ gestellten Forderungen sind mit den Satzungen und bisherigen Gepflogenheiten unserer Gesellschaft kaum zu vereinbaren. Persönlich verdienen die Bewerber durchweg volles Vertrauen.“ Nach längerer Aussprache wird beschlossen, am 13. November mit den 5 Vertretern der Gruppe: Richard Remsha­gen, Josef Küls, Felix Schäfer, Rolf Hörsch und Jakob Heinen und dem gesamten Verwaltungsrat im Hotel „Alte Mühle“ zusammenzukommen, um die Angelegenheit gemeinsam weiter zu beraten.

Jetzt stelle man sich lebhaft vor, wie geschockt der gesamte Verwaltungsrat (es waren nur 7 Mann) gewesen sein muss.

Andererseits ging der Schützengesellschaft der Nachwuchs aus. Anlass für die ganze Aufregung war ein Brief mit 36 Unterschriften, in dem um geschlossene Aufnahme in einen neu zu bildenden Zug gebeten wurde.

Flugs entwickelte der Verwaltungsrat ein Strategiepapier, das die ganze Entscheidungskom­petenz und Durchsetzungsfähigkeit des damaligen Verwaltungsrat zeigt. Es heißt dort:“ Die Anmeldung von 34 jungen Schützen ist zu begrüßen und wir dürfen Dieselben nicht abweisen. Ein neuer Zug, wie von den Antragstellern gewünscht wird, wird aus tradi­tionellen Gründen und Satzungen schlecht durchführbar sein; außerdem könnten wir bei unseren Mitgliedern Anstoß erregen. Es wäre vielleicht zu prüfen, ob man diesel­ben als Nachwuchs-Gruppe zum Elitecorps aufnehmen könnte. Dieselben müssten sich den bestehenden Satzungen fügen und auch keinen Offizier für ihre Gruppe for­dern, denn wir dürfen bei unseren alten Mitgliedern keinen Anstoß erregen.“

Bei der Besprechung in der „Alten Mühle“ wurde dann folgendes vereinbart: Das Hauptmanns- und das Leutnantsglied werden zusammengelegt. Die Neuen mar­schieren an der Stelle des alten Leutnantsgliedes. Ihre Uniform soll die des Elite­corps sein. Die Ballotage bleibt erhalten. Der neue Offizier wird vom Verwaltungsrat gewählt eventuell auf Vorschlag des Gliedes. Also praktisch wird kein neues Glied gegründet, und bleibt soweit beim Alten, außer der Zusammenlegung des Hauptmanns- und Leutnantsgliedes.

Das Problem war nun, dem Hauptmanns- und Leutnantsglied beizubringen, dass sie sich vereinigen dürfen. Aber das Undenkbare geschieht. Beide Glieder stimmen ein­stimmig für die Zusammenlegung. Man hatte sie aber auch mit der Aussicht auf neue Uniformen geködert.

Am 17. Februar 1965 fand eine abermalige Besprechung mit „den jungen Herren Interessenten“ in der Eifelstube statt. Der Wortführer, Chronist Hans Roth, gab an, keine Ent­scheidungsvollmacht zu haben. Man solle einen Antrag um Aufnahme mit Namensli­ste an den Verwaltungsrat einreichen „im Übrigen aber der Entscheidung des Verwaltungsrates zuversicht­lich und vertrauensvoll entgegensehen.“

Fast wäre alles noch an der Offizierfrage gescheitert. Der Verwaltungsrat kam zwar den jungen Herren Interessenten insoweit entgegen, dass diese eine Liste mit drei möglichen Kandidaten für den Posten des Leutnants einreichen sollten. Diese drei waren Albert Friedrich, Josef Küls und Rolf Hörsch. Damit war der Anschein der Wahl durch den Verwaltungsrat gewahrt. Aber es kam anders. Die Versammlung der jungen Herren Interes­senten wählte Albert Friedrich aus dem Elitecorps einstimmig und am Ende musste sich der Verwaltungsrat beugen. Der Verwaltungsrat bestätigte nur noch den gewählten Zugführer.

Aber die Probleme waren noch nicht gelöst. Die Vereinigung von Hauptmanns- und Leutnantsglied konnte nicht vollzogen werden. Das Protokollbuch vermerkte hierzu ganz lapidar: „Die von beiden Gliedern beschlossene Zusammenlegung kam nicht zustande. Beim Schützenfest 1965 ist das Leutnantsglied dieser Regelung nicht ge­folgt. Es soll in Zukunft als Oberleutnantsglied selbständig bleiben.“ Dann wurde im selben Jahr versucht, das ehemalige Leutnantsglied mit dem Fähnrichsglied zu­sammenzulegen. Dieser Vorschlag wurde vom Fähnrichglied einstimmig abgelehnt. Nach dieser Bauchlandung beschloss der Verwaltungsrat, das bisherige Leutnantsglied in ein Oberleutnantsglied zu befördern

An Fronleichnam 1965 zog das neue Glied zunächst namenlos unter dem Leutnant Albert Friedrich zum ersten Mal auf. Damit war die Taufe des Leutnantsgliedes be­siegelt.

Erreicht wurde neben der Neugründung des Leutnantsgliedes noch folgende Punkte:

 

  • Gleiche Uniformierung für alle.
  • Gleicher Beitrag für alle.
  • Aufzug aller Bürgerschützen (bisher nur Elitecorps und Königsglied) zum Vogel­schießen.
  • Eigenständige Wahl des Offiziers.

 

Wegen dieser Forderungen bzw. ihrer Durchsetzung erhielten die jungen Herren In­teressenten in Ahrweiler flugs den Namen Rebellencorps. Was haben die jungen Herren Interessenten bewirkt, was haben sie für uns alle, für die ganze Gesellschaft gelei­stet?

 

  • Damals wurde eine Entwicklung angestoßen, die erst mit der Verabschiedung der neuen Satzung 2001 ihren Abschluss fand.
  • Die Gründung des Leutnantsgliedes war der entscheidende Anstoß zur Demo­kratisierung der Gesellschaft.
  • Ohne diese Entwicklung wäre die Gesellschaft vermutlich nach und nach ausge­storben.

 

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass bislang unser oft und viel beschworenes Motto Glaube, Sitte, Heimat in diesen Ausführungen nicht vorgekommen ist. Dennoch das damalige Streben, die Kluft zwischen arm und reich, zwischen Etablierten und Nicht-Arrivierten zu schließen, zeigt ein zutiefst christlichen Menschenbild, das damals umgesetzt worden ist. Wo der Glaube und die Gesittung solches fordert, nämlich Bürgerrang für alle, eröffnet sich auch für alle eine Heimat. Und so schließt sich der Kreis.