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Die Geschichte des Fähnrichsgliedes

Zunächst müssen wir uns vor Augen halten, dass die St.Sebastianus Bürgerschützen-Gesellschaft Ahrweiler früher zwei Aufgaben hatte: Zum Ersten - wie auch heute noch die höchst dekorative Begleitung der kirchlichen Prozessionen, hier vor allem der Fronleichnamsprozession. Zum Zweiten vertraten die Schützen die Ahrweiler Bürger bei der Heerfolge. Wann immer der Landesherr, also der Kurfürst von Köln, zu einem Kriegszug aufrief, mussten die Schützen ihm anstelle der Bürger folgen. Solche Heerzüge sind hinreichend belegt. Zum letzten Male kamen die Ahrweiler Schützen bei der Verteidigung von Linz gegen die Schweden 1623 zum Einsatz. Es ist undenkbar, dass eine militärische Formation in den Krieg zog, ohne eine Fahne dabei zu haben.

Alte Belege für die Existenz einer Schützenfahne gibt es allerdings nicht. Der älteste Beleg stammt aus dem Jahr 1612 und betrifft die Junggesellen. Tilmann Gies und Johann Dahm bitten den Rat, den Bürgersöhnen und Junggesellen zu erlauben, am kommenden Sonntag den Vogel schießen zu dürfen. Der Rat stimmt zu. Beide Antragsteller müssen sich aber verbürgen, dass keine Unfälle und kein Schaden entstehen.Sie sollen jedes Gezenck, Schlegerei oder andre Onroir unterbinden  und dafür sorgen, dass alles in Einigkeit und Zucht ablaufe. Das alte Fendlein wird ihnen für diesmal bewilligt. Es soll zurückerstattet werden. Wir sehen, dass die Fahne, die die Junggesellen mit sich trugen, offensichtlich der Stadt gehörte.

Das Ratsprotokoll vom 18. Juni 1740 erzählt, dass der Magistrat der Stadt Ahrweiler beim Kölner Fahnenmacher Hubertus Lauterborn eine neue Fahne für die Bruderschaft im Wert von 68 Reichstalern in Auftrag gegeben hatte. Neben dem Bildnis des HI. Sebastians und des HI. Laurentius, des Pfarrpatrons, sollte die Fahne auch das Stadtwappen und das kurkölnische Wappen tragen. Die Stadt kaufte also für die Schützen die Fahne wie auch alle anderen Ausrüstungsgegenstände.

Die Chronik vermerkt eine tragische Begebenheit aus dem zweiten Weltkrieg:

Der zweite Fähnrich Ludwig Porz wurde beim Bombenangriff am 23. Dezember 1944 getötet. Da, wie gebräulich, der Fähnrich die Fahne der Gesellschaft in seinem Hause aufbewahrte, so wurde auch diese unter den Trümmern verschüttet, und es ist das Verdienst der Vorstandsmitglieder Josef Mertens und Nikolaus Kriechel, sowie der Mitglieder Jean Mies und Sebastian Friedrich, dieselbe, teils unter Fliegergefahr, aus dem Schutt ausgegraben zu haben, so dass sie, wenn auch erheblich beschädigt, mit Genehmigung der amerikanischen Besatzungsbehörde, in der Fronleichnamsprozession 1945 getragen werden konnte. 

Die oben genannte Fahne von 1740 wurde deshalb vom Stadtfendrich getragen. Das muss hier näher erklärt werden. Die Ahrweiler Schützen waren als Vertreter der Bürgerschaft bei den Kriegszügen eine städtische Institution. Die Stadt sorgte für die Ausrüstung der Schützen, stellte ihnen als Übungsstätte ein Schützenhaus, erst auf der Schützbahn, dann im Stadtgraben, zur Verfügung. Selbst die Aufrichtung des Königsvogels gehörte zu den Obliegenheiten der Stadt. Die Schützen wurden bei ihren Auftritten auch von der Stadt mit Wein und Weißbrot versorgt, solange, bis die Schützen eigene Weinberge hatten. Das war spätestens 1609 der Fall. Das Führungspersonal der Schützen wurde ausschließlich von Magistratsmitgliedern gestellt. Der jüngste Schöffe hatte das Amt des Hauptmanns inne, der jüngste Ratsverwandte war Leutnant und der jüngste Achter war Wachtmeister der Gesellschaft. Der Posten des Stadtfähnrichs allerdings wurde bis 1794 meistbietend auf ein Jahr versteigert. Die Stelle war sehr begehrt, weil der Inhaber dieses Amtes sich damit von allen städtischen Lasten wie Wach-, Hand und Spanndienst und den lästigen und beschwerlichen Ämtern des Bau-, Kirchen-, Gilden-, Hospitals- oder Hutenmeisters sowie vom Amt des Schatzbürgermeisters freikaufte.

Als Bernhard Schopp 1729 Fähnrich wurde, sollte er für diese Freiheit hießiger löblicher Bruderschaft St. Sebastiani daß Jahr den Tagh post festum Ss: Corporis Christi (= Tag nach Fronleichnam) ein halb Fuder Weins geben. Zum letzten Mal vor 1796 ersteigerte Matthias Hoss für 100 Reichstaler dieses begehrte Amt.

Bislang nachgewiesene Stadtfähnriche:

1729   Bernhard Schopp
1747 – 1748   Matthias Schopp
1760   Matthias Gronendahl
ab 1791   Matthias Hoss 

 

Das Fähnrichsglied

In unserem Seelenbuch werden als erste Mitglieder des Fähnrichsglieds der Metzger Johann Öllig und der Bäcker Matthias Conrads genannt, die 1812 eintraten. In dieser Zeit bildeten sich auch die anderen Schützenkompanien heraus: die Hauptmann-, die Leutnants- und die Wachtmeisterkompanie. Daneben gab es die Leibschützenkompanie, das spätere Elitecorps. Nicht zu verkennen ist dabei die soziale Schichtung der einzelnen Züge. Diese soziale Schichtung oder auch die gesellschaftliche Anerkennung ist an der Staffelung der Eintrittsgelder abzulesen. Im Jahr 1819 wurden für den Eintritt in das Hauptmannsglied 8 Reichstaler, für das Fähnrichs- und Leutnantsglied 6 Reichstaler und für das Wachtmeisterglied 4 Reichstaler erhoben.

Sechs Jahre später glichen sich die Eintrittsgelder an. Hauptmann-, Fähnrichs und Leutnantsglied kosteten 8 und das Wachtmeisterglied 6 Reichstaler. Im Jahr 1826 zahlten die Bürger für den Eintritt in das Hauptmannsglied 8 Reichstaler, für das Fähnrichsglied 7 Reichstaler, für das Leutnantsglied 6 Reichstaler und für das Wachtmeisterglied, das jetzt Unterleutnantsglied heißt, 4 Reichstaler. Die Stellung des Fähnrichsglieds ist also gestärkt. Es gibt eine bürgerliche Reputation, dem Fähnrichsglied anzugehören.

Als Beispiel sei der Winzer Johann Joseph Geller angeführt, der 1841 noch 1 1 /2 Reichstaler auf seine Eintrittsgebühr nachzahlte, um vom Leutnantsglied in das Fähnrichsglied aufsteigen zu können, wie das Seelenbuch vermerkt.

Im Jahre 1826 bestimmt der Verwaltungsrat, dass beim Begräbnis eines Mitglieds der Gesellschaft der Leiche durch den Fähnrich oder bey dessen Verhinderung durch ein von ihm dazu bestimmtes Mitglied dessen Compagnie die Trauerfahne vorgetragen werden soll. Weit schwerwiegender ist der Beschluss des Verwaltungsrates aus dem Jahre 1857. Damals gab es außer beim Elitecorps keine Uniformen, selbst bei den Offizieren nicht. Der Beschluss lautete:

Der Verwaltungsrat hat beschlossen, dass die Offiziere der Gesellschaft statt des schwarzen Fracks, grüne Waffenröcke, wie die der Leibschützencompagnie jedoch mit Epauletten und Litzen am Kragen und Aufschlägen tragen sollen, ebenso wird der Rechnungsführer und der Fähnrich der Elitecompagnie Adam Brogsitter diese Uniform tragen. Da die meisten Mitglieder der Fähnrichscompagnie schon längst gewünscht hatten, sich zu uniformieren, so wurde diesem Wunsche von dem Vorstand umso lieber willfahren, als solches nur zur Verschönerung des Zuges beitragen kann. Diese Uniform wird in einem kurzen grünen Waffenrock mit schwarzem Sammetkragen und gelben Knöpfen, weißen Hosen, grüner Mütze, Gewehr und Pulverhorn bestehen.

Zum 500-jährigen Jubelfest im Jahre 1903 werden auch die Züge, die bisher ohne Uniform waren, mit Joppen aus grünem Lodenstoff ausgerüstet. Das Fähnrichsglied erhält ebenfalls eine neue Uniform. Das Protokollbuch vermerkt lakonisch:

Die Kosten bringen die Leute in monatlichen Beiträgen selbst auf. Bei eventuellen Defiziten soll der Vorstand dieses ausgleichen.

Im Jahr 1928 vermerkt das Protokollbuch:

Die Fähnrichskompagnie möchte ihre Uniform dahin ergänzen, daß sie bei Aufzügen in weißen Handschuhen erscheinen, sowie einen Leibriemen (ohne Hirschfänger) tragen.

Heute hat das Fähnrichsglied 88 Mitglieder mit wachsender Tendenz.